Zum diesjährigen Volkstrauertag habe ich auf Einladung des Heimatkreises Hüsten e.V. auf der Gedenkveranstaltung am Friedhof St. Petri gesprochen. Meine Rede finden Sie hier zum nachlesen:

 


 

Liebe Mitglieder des Heimatkreises Hüsten,

sehr geehrte Damen und Herren,

Der Volkstrauertag ist ein Tag des Gedenkens – ein stiller Tag.

Wir haben uns vor St. Petri versammelt und sind hier her gekommen, um gemeinsam der Opfer zu gedenken.

Wir gedenken der zahlreichen Opfer aus Hüsten,

  • die in zwei Weltkriegen gefallen sind,
  • die in zwei Weltkriegen ihren Mann oder ihre Frau, ihren Vater oder ihre Mutter, ihre Kinder, Brüder oder Schwestern verloren haben,
  • die aufgrund ihrer Religion oder ihrer politischen Überzeugung ermordet wurden.

Wir stehen zusammen und erinnern uns in Stille. Weil wir glauben, dass das Leid, das zunächst mit dem Ersten Weltkrieg und dann nach wenig mehr als 20 Jahren mit noch größerer Wucht im Zweiten Weltkrieg über die Menschen kam, dass dieses Leid die Vorstellungskraft des Einzelnen übersteigt. Und dass dieses Leid die Fähigkeit der Familien in den Jahren nach dem Krieg überstieg, die immensen Verluste zu verarbeiten.

Deshalb glaube ich, dass unsere Vorväter und Mütter 1952, als der Volkstrauertag erstmalig begangen wurde, in der Not etwas sehr Kluges getan haben. Keine Lohnerhöhung, kein Sommerurlaub, kein Käfer von Volkswagen – ja und auch kein Wunder von Bern – hätte allein gereicht, um Verlorengegangenes zu ersetzen, Schmerz zu überwinden und Zuversicht zurückzugewinnen.

Helfen konnte aber gemeinsam zum Ort des Gedenkens zu gehen und in Stille innezuhalten. Kraft zu schöpfen im Zusammenhalt und Mut zu fassen, einen anderen, einen neuen Weg in Demokratie und Frieden zu gehen.

Wir versammeln uns heute überall in Deutschland in Tausenden von Gemeinden, um gemeinsam

  • der Opfer von Verfolgung und Vernichtung zu gedenken,
  • der Vertriebenen und Flüchtlinge,
  • der Opfer des Kalten Kriegs und auch
  • der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die im Kampf für Freiheit und Menschenrechte in den vergangenen Jahren gefallen sind.

Überall in Deutschland gehört dieser Tag untrennbar zu unserer Erinnerungskultur – so, wie die historischen Katastrophen, die zu diesem Tag geführt haben. Und so konnte es gelingen und ich wage zu behaupten, so ist es gelungen, dass, wenn wir schon durch nichts in der Welt Geschehenes rückgängig machen können, dass wir doch viel, sehr viel dafür tun können, dass Ähnliches nie wieder geschieht.

Weil das gemeinsame sich Erinnern – als aktives  Handeln, also sich in Erinnerung rufen – in uns das Bedürfnis auslöst, dem Anderen, dem Nächsten, dem Nachbarn Trost zu spenden und gleichzeitig sich gegenseitig zu ermahnen, was passieren kann, wenn die Folgen des eigenen Handelns nicht mehr bedacht werden.

Weil wir uns an diesem Tag gegenseitig auch die Verantwortung für unsere Mitmenschen und Nachkommen in Erinnerung rufen.

So ist dieser Tag ein Teil des Fundaments geworden, auf dem wir in Deutschland zum ersten Mal in unserer Geschichte seit über siebzig Jahren in Freiheit und Einheit und Frieden mit unseren Nachbarn leben.

Die Bürgerinnen und Bürger in vielen Ländern Europas gedenken in diesen Tagen der Opfer von Krieg, Unterdrückung und Vertreibung. Schon längst geht es um weit mehr als Vergangenheitsbewältigung. Vielmehr hilft der Tag, in und mit der Erinnerung eine Botschaft zu senden: Seht her, wir haben Jahrhunderte lang Krieg geführt. Und jedes Mal, wenn ein Krieg zu Ende ging, gab es nur Verlierer in den Familien, und der Frieden wurde nie gewonnen.

Aber jetzt haben wir Hoffnung, dass die Zeit der Kriege zu Ende ist im geeinten Europa. Dass wir alten Hass überwunden haben. Dass wir bereit sind, gemeinsam Freiheit, Rechtsstaat und Menschenrechte wehrhaft zu verteidigen gegen jeden Angriff, egal von wem, egal von wo.

Dass wir – eben weil wir uns immer wieder auch der Katastrophen vergegenwärtigen, die unsere Heimat heimgesucht haben – Brücken bauen können. Zu Versöhnung anstiften können.

Ich persönlich nehme das übrigens nicht nur als Option, als Möglichkeit wahr sondern als Auftrag.

Deshalb wünsche ich mir, dass wir neben dem Volkstrauertag auch einen europäischen Feiertag einführen. Ein Tag, an dem wir uns gemeinsam freuen über Erreichtes, über Gelungenes.

Dann hätte dieses großartige Friedensprojekt Europa zwei Flügel: einen der Erinnerung und Mahnung sowie einen der Zuversicht und des Muts, weiterzugehen.

Heute stehen wir still zusammen und gedenken der unzähligen Opfer von Krieg, Vertreibung und Unterdrückung.

Heute stehen wir gemeinsam zusammen und sammeln Kraft, um den großen Herausforderungen bei uns in Deutschland, in Europa und in der Welt zu begegnen.

 

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.

 

Ein Bild der Gedenkveranstaltung finden Sie hier.